We are YAR! An Interview

3 Frauen unterschiedlicher Professionen mit einer gemeinsamen Vision. Gefunden vor knapp fünf Jahren im Kontext der Zwischennutzung des Quelle Areals in Nürnberg. Dort gemeinsam das Konzept für YAR entwickelt und sich auf die Suche nach alternativen Fasern gemacht. Dann der Umzug des Studios in das mitentwickelte Kreativzentrum heizhaus, eine Coworking-Community aus Kultur- und Kreativschaffenden im Nürnberger Westen, von der wir ein elementarer Teil sind. Uns alle eint die Idee, unser selbstständiges Wirtschaften dafür einzusetzen, innovative Strategien und Lösungsansätze für den städtischen Raum und gesamtgesellschaftliche Problemstellungen zu entwickeln und zu erproben. Die Gründung des Labels YAR erfolgte schließlich 2017. Das interview ist teil unserer neuen print Ausgabe!

KALTBLUT: Bringt uns an den Anfang. Was hat Eure Leidenschaft für Mode ausgelöst?

Erstmal ist es eine Frage der Definition von dem Begriff Mode, da keine von uns eine erhöhte Affinität zur Mode in Ihrem oberflächlichen Erscheinungsbild besitzt. Jedoch kann man behaupten, dass wir alle Spaß an Kleidung haben, ob zum anziehen, ankleiden oder verkleiden. Sie ist unsere zweite Haut, eine Hülle die uns vor Wind und Wetter schützt, ein Mittel zur nonverbalen Kommunikation. Alles Auslöser für unsere Leidenschaft. Zudem verbindet uns die Liebe zu hochwertigen und schönen Materialien, die Freude am Design und Handwerk wie das belebende Gefühl, dass einem ein wirklich gutes Kleidungsstück geben kann.

KALTBLUT: Wie seit ihr in der Modebranche gestartet?

YAR ist aus dem gemeinsamen Willen entstanden, etwas zu bewegen. Jede von uns hat Ihre eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse gemacht und das Bedürfniss entwickelt aus dem Hamsterrad des Konsumwahnsinns auszusteigen, ob privat oder beruflich. Die Modebranche lag nahe, da jede von uns Berührungspunkte dorthin hatte und sich speziell in diesem Bereich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt hat. Ob als Bekleidungstechnikerin, Textildesignerin  oder Netzwerkerin. Wir alle haben die schlechten Arbeits- und Produktionsbedingungen in dieser Branche registriert, gerade auch in der Herstellung der Fasern, explizit der Baumwolle. Die ersten Jahre haben wir uns dementsprechend im Bezug auf die Kollektion hauptsächlich mit dem Sourcing von alternativen Materialien beschäftigt.

Zudem motiviert uns jeher das Teilen von Visionen, Wissen, Techniken, Maschinen und Raum, weswegen wir uns schon seit bald 15 Jahren in offenen Werkstattkonzepten und für Open Source Kontexte engagieren. Dieser Ursprung ist für uns ein wichtiger Bestandteil unserer Gesamtkonzeptes geworden. Durch das Angebot an Bildungsarbeit, Workshops und Veranstaltungen zu dem Thema Nachhaltigkeit in der Mode werden wir unserem ausgewogenem Anspruch gerecht auf verschiedenen Ebenen Zeichen in der Textilindustrie zu setzen.

KALTBLUT: Ihr sagt, dass YAR ein nachhaltiges Slow Fashion Unternehmen ist, das der Monotonie den Kampf erklärt hat. Könnt Ihr uns das erklären und erläutern?

Zum einen produzieren wir selbst und manches nur auf Bestellung, so können wir eine gute Verarbeitung, faire Arbeitsbedingungen und keinerlei Überproduktion garantieren. Sogar die Zuschnittreste werden bei uns zu Mützen, Schals und vielem mehr verarbeitet. Die Monotonie in der Textilbranche die wir bekämpfen, ist die Verteilung der eingesetzten Fasern: ca. 60% Chemiefasern, 38 % Baumwolle und die restlichen 2% beinhalten alle anderen Fasern!

Wir zeigen mit unserer Stoffauswahl wie eine ausgewogene Verteilung aussehen kann und setzen gezielt ökologisch sinnvolle Fasern, wie Hanf, Leinen, Wolle, Yak oder Tencel ein. Zu dem achten wir bei der Auswahl unserer Materialien grundsätzlich auf einen umweltfreundlichen Anbau, bzw. artgerechte Haltung, einen geringen Wasserverbrauch, wenig CO2 Ausstoß, keine Verwendung von Schad- und Giftstoffen, faire Arbeitsbedingungen und Transparenz in der gesamten Lieferkette.

Zum anderen entwerfen wir nicht alle halbe Jahr eine neue Kollektion. Unsere Kollektion ist unser Sortiment, sie wird lediglich um Modelle erweitert oder reduziert. So können wir unser Gesicht immer wieder verändern ohne an Beständigkeit zu verlieren, denn es soll immer die Möglichkeit bestehen, ein Modell auch nach vielen Jahren nachbestellen zu können.

KALTBLUT: Ihr sagt: Wir lieben Mode wie Zirkus, nur am allgegenwärtigen Modezirkus wollt Ihr nicht länger teilhaben. Ich bin bei Euch. Wie wollt Ihr den allgegenwärtigen Modezirkus verändern?

Wir wollen allumfassend alternative Wege erproben, die man mit viel Spaß gemeinsam gehen kann, anstatt mit erhobenem Zeigefinger dazustehen. Wir möchten informieren, animieren und motivieren. Deswegen machen wir Veranstaltungen wie den KleiderRausch oder RepairCafes und bieten neben der offenen Werkstatt, Workshops und Seminaren auch Schnittmuster und Stoffe aus unsere hochwertigen Kollektion an. Wir wollen durch Information kritisches Hinterfragen des Konsumverhaltens anregen, damit wir nicht  immer abhängiger von diesem wahnwitzigen Wachstums-Gedanken werden.

Das ist auch der Grund, weshalb wir im Bereich Marketing und Kommunikation völlig andere Wege gehen. Wir sind der Meinung, dass es innerhalb der Slow Fashion keine Konkurrenz gibt, sondern all die kleinen Labels eine im Grundsatz gleiche Vision in die Welt tragen, daher glauben wir an Kooperationen, Netzwerk und Austausch, ob es nun gemeinsame Arbeiten oder Veranstaltungen mit NGO’s, Initiativen und Labels, oder ein wirtschaftlicher Zusammenschluss im Stoffeinkauf sind. Wir wollen Plattform und Vorbild sein für alle die Mode lieben und gerne damit spielen, aber  Wert darauf legen weder Menschen noch Umwelt mit ihrem Verhalten zu schädigen.

KALTBLUT: Welche 3 Keywords charakterisieren Ihr Modelabel am besten?

Beständigkeit. Vielfalt. Austausch.

KALTBLUT: Was sind Eurer Meinung nach die größten Probleme mit Fast Fashion?

Das größte Problem ist aus unserer Sicht die ausufernde Überproduktion. Ein großer, oft unterschätzter Akteur hierbei ist das Marketing. Es erzeugt mit kostspieligen Kampagnen Bedürfnisse, die man vorher nicht hatte. Das künstlich erzeugte Gefühl, nur mit Kleidung dieser Marke z.B. Gruppenzugehörigkeit und Anerkennung zu finden, ist fatal. Vor allem für junge Menschen. Produkte werden von den Unternehmen bewusst von einem GEbrauchsgut in ein VERbrauchsgut gewandelt um immer wieder für Ersatz sorgen zu können und damit die Umsätze zu erhöhen. Dabei wird die Kleidung meist unter den widrigsten Umständen mit der größtmöglichen Gewinnspanne hergestellt. Die Qualität bleibt dabei auf der Strecke, denn es ist kaum möglich ein Fast-Fashion-Piece länger als 3 Monate zu tragen bevor es verwaschen und kaputt ist. Das entzieht es auch der Weiter- oder Wiederverwertung und wird unweigerlich zu Müll den man oft nicht mal mehr recyclen kann.

KALTBLUT: Wie können wir die Mode verlangsamen?

In erster Linie durch ein Umdenken der Gesellschaft: weg vom Konsumwahnsinn hin zu einer suffizienten Lebensweise, was bedeutet mit weniger zufrieden zu sein. Aus unserer Sicht sollte dies zukünftig eine der wichtigsten Eigenschaften in vielen Bereichen unseres Lebens werden, ob bei Lebensmitteln, Mobilität oder Wohnen. Es würde uns allen gut tun Abstand zu nehmen von dem unerschütterlichen Glauben an Wachstum, ob als Privatperson, Unternehmen oder Staat. Auf einer endlichen Welt sind Ressourcen einfach begrenzt, dementsprechend lasst uns anstatt auf Masse auf erstklassige Produkte zurückbesinnen. Somit sollten wir bei Neuanschaffungen mehr Wert auf gute Qualität legen, damit Kleidung wieder langlebiger wird und dabei schön bleibt. Nicht ausschließlich um sie selbst länger tragen zu können, sondern dass Sie zudem im Nachhinein durch Second Hand und Kleidertausch viele weitere Menschen erfreuen kann.

Ein zusätzlicher Punkt wäre das konsequente Ignorieren von irgendwelchen Trends, diese sollten ein Phänomen von gestern sein. Lasst uns aufhören, uns in immer kürzeren Abständen diktieren zu lassen, was Mode ist. Befreien wir uns von Einflüssen, die ursprünglich nicht vorhandene Bedürfnisse wecken denn wir müssen nicht ständig ein neues Outfit tragen.

KALTBLUT: Was sind eure Tipps für langsame Mode?

Ziehe an was du hast, Pflege es gut, repariere es, wenn es kaputt geht, leihe dir was für besondere Anlässe, Tausche, nähe dir etwas selber oder kaufe es gebraucht. Und wenn du wirklich etwas Neues brauchst oder unbedingt haben möchtest, achte beim Kauf auf gute Qualität und setze Dich mit dem Teil auseinander: wo und wie wurde es produziert? Was ist es für ein Material und wo kommt es her? Passt es mir wirklich gut? Kann ich es mit dem Rest meines Kleiderschrankes gut kombinieren? Passt es in meinen Alltag, bzw. gibt es öfter Anlässe es zu tragen? Wenn man diesem Prinzip folgt schont man Umwelt und Geldbeutel, was einem wiederum ermöglicht auch mal mehr Geld für ein gutes Kleidungsstück auszugeben.

KALTBLUT: Nachhaltige Mode entwickelt sich langsam, aber sie entwickelt sich weiter. Was würde diesen Prozess Eurer Meinung nach beschleunigen?

Es würde vieles beschleunigen, wenn Vereine, Initiativen und Unternehmen die alternative Wege beschreiten mehr gefördert werden würden. Bisher ist es politisch ein noch viel zu irrelevantes Thema und die Verantwortung wird noch allzu gerne auf den Verbraucher geschoben, der ja angeblich selbst entscheiden kann was er kauft. Aber an welchen Kriterien soll er das genau festmachen? Es kostet viel Mühe sich über die Herkunft und Produktionsbedingungen zu informieren, da kann man schon mal verzweifelt den Kopf in den Sand stecken. Es wäre doch, neben der Förderung von Alternativen, ein guter Ansatz wenn Unternehmen die tatsächlichen Kosten für Umweltverschmutzung, Menschenrechtsverletzungen, gesundheitliche Folgeschäden durch Textilchemikalien und letztendlich die Entsorgung des ganzen Mülls selbst tragen.

Würde man diese Kosten in den Produktpreis einrechnen, wäre ein ökologisch und fair hergestelltes Produkt günstiger als ein konventionelles. Wenn es der EU möglich ist per Gesetz über die Form von Gurken zu entscheiden, sollte es doch auch möglich sein die Bedingungen festzulegen, unter welchen die Kleidung, die wir alle tagtäglich auf dem Leib tragen, hergestellt wird. Aus unserer Sicht sollte Nachhaltigkeit eine Selbstverständlichkeit sein.

KALTBLUT: Erzählt uns von YAR´s Herstellungsprozess und warum dieser Prozess wichtig für Euer Label ist?

Durch die eigene Hertsellung sind wir tief in unseren Modellen und Schnitten drinnen, können auf Feedback von Kunden schnell reagieren und zudem Sonderanfertigungen oder Anpassungen anbieten.

Somit umfasst unsere Angebot auch die Möglichkeit, unsere Schnitte in einem selbstgewählten Stoff zu erhalten. Auch für den Designprozess ist dieser Faktor von Vorteil. Manchmal benötigt es 4 oder 5 Änderungen in Schnittführung und Verarbeitung bis wir zufrieden sind und der beste und kritischste Tester ist man doch selbst. Da wir auch Produktentwicklungen und Produktionsbetreuung für andere kleine Labels machen, pflegen wir einen regen Austausch mit diesen und bereichern uns dadurch gegenseitig. Wenn die Anfragen unser Leistungslimit übersteigen, werden wir entweder mit ansässigen Fertigungsbetrieben zusammenarbeiten oder selbst einen Arbeitsplatz schaffen, vielleicht ja auch beides, auf jeden Fall bleibt die Produktion hier. Da wir nur Kleinserien und teils Stücke erst auf Bestellung fertigen, haben wir auf der einen Seite zwar eine längere Lieferzeit, können so aber Überproduktion vermeiden.

KALTBLUT: Mit welchem Material arbeitet Ihr am liebsten?

Mit Hanf in den unterschiedlichsten Ausführungen. Hanf fühlt sich toll an, ist haltbarer wie Baumwolle, nimmt nicht so schnell Gerüche an und vor allem: er wächst wie Unkraut, braucht kaum Wasser und benötigt weder Dünger noch Pestizide! Unser Favorit ist gerade unser Satingewebe xWS17, eine Kombination aus Hanf und Seide. Ein edler, schwer fallenden Stoff, der durch eine glänzende und eine matte Warenseiten besticht und zu alledem noch sehr strapazierfähig ist.

KALTBLUT: Und mit welchem Material möchtet ihr arbeiten?

Wir wollen verstärkt innovative Fasern in unser Sortiment aufnehmen, was allerdings nicht so einfach ist, da sie sich oft noch im Entwicklungsprozess befinden. Großes Interesse haben wir beispielsweise an Fasern aus Milch, Fruchttrester und anderen Abfallprodukten.

KALTBLUT: Wer oder was inspiriert Euch, als Designer und persönlich?

Wir werden täglich durch Bilder, Momente, Gespräche und unsere Umgebung inspiriert. Eine große Inspirationsquelle für uns ist somit das heizhaus, gerade wegen der Möglichkeiten und kurzen Wege die uns diese Umgebung bietet. Großer Austausch besteht beispielsweise mit unseren direkten Nachbarn, der Siebdruckerei subucoola. Hier können wir unsere Stoffe direkt mit unseren allover Prints bedrucken und geben ihnen damit einen unverwechselbaren Ausdruck.

Es gibt natürlich im Modedesign die ein oder andere Persönlichkeiten die uns maßgeblich beeinflusst haben, wie beispielsweise Vivian Westwood. Nicht nur weil Sie in diesem Bereich der Mode die absolute Vorreiterin ist, sondern vielmehr Ihr Style. Ihre klare Linienführung in ihren Schnitten und der zero waste Ansatz haben uns schon früh beeindruckt und ist sicherlich bei dem ein oder anderen Modell auch zu sehen. Wobei wir den Philosophen und Theoretiker Richard David Precht nicht vergessen dürfen, der oft mit seinen Vorträgen und Texten Thema bei uns war und ist. Auch wenn er unser Design nicht unbedingt inspiriert, sondern vielmehr unser Gesamtkonzept. Er sollte uns allen ein Vorbild sein, vor allem, weil er über Dinge redet, die relevant sind.

KALTBLUT: Wo können wir eure Mode kaufen?

Real findet man YAR bisher nur im Conceptstore FifteenSixteen in Nürnberg, mit dem wir im Bereich Produktentwicklung schon bald 2 Jahre zusammenarbeiten. Allerdings würden wir uns über weitere Läden freuen, die Interesse haben unsere Stücke anzubieten. Denn wir sind der Meinung Kleidung sollte man anfassen und anprobieren, bevor man Sie kauft.

KALTBLUT: Wo seht ihr YAR in 10 Jahren?

Wir sehen uns als eine feste kleine Größe, dessen Name mit Qualität, Stil und Transparenz verbunden wird. Zudem werden wir Teil eines großen Netzwerkes von nachhaltig arbeitenden Unternehmen, Vereinen und Initiativen sein, um gesamtgesellschaftlich etwas in Richtung Gemeinwohl Ökonomie zu bewegen. Der Bildungsbereich wird gesellschaftlich und politisch an Strahlkraft und Relevanz gewonnen haben und wir werden Projekte durch unsere Kollektion mitfinanzieren können.

weareyar.de / @weare.yar

Interview and styling by Marcel Schlutt @marcel_schlutt
Photos and artwork by Yu-liang Liu www.yuliang-liu.com
Model is Elizabeth Ehrlich @elizabeth_ehrlich
Hair and makeup by Anca Oprin @ancaoprinmakeup
Photography assistant is Alex Aravantinos

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